Die Suche

Es gibt kein vergleichbares Gefühl wie das einer sterbenden Liebe. Jede Erinnerung an ein gemeinsames Erlebnis wird zur Qual – Geburtstage, Weihnachten, Urlaube, der Besuch eines Konzertes … Man stellt die vergangenen Jahre in Frage. Und sich selbst. Die Zeit nach einem Beziehungs-Aus ähnelt der Heilung nach einer schweren Krankheit: man kommt langsam wieder zu Kräften, versucht sich währenddessen abzulenken.

zeitreise3Ich tat es, indem ich mich mit der Vergangenheit beschäftigte. Einer Vergangenheit, die mir weniger problembehaftet schien als die Gegenwart. Für mich waren dies die 20er Jahre, die Roaring Twenties, die Brüllenden, Tobenden, die Verrückten Jahre, wie man in Frankreich sagt. Ihr Tosen, ihre Verrücktheit, ihre Lebendigkeit sollte auf mich abfärben, mich anstecken, mich selbst lebendiger machen.

Ich verschlang alles darüber, zeitreise2tauchte ein in die Welt der Skandal-Tänzerin Anita Berber, der kriminellen Ringvereine, der Gauner-Kaschemmen im Berliner Scheunenviertel, der frivolen Couplets von Otto Reutter und die Halb- und Unterwelt der Pariser Apaches. Ich stöberte in Bibliotheken, vertiefte mich in Bildbände und alten Chroniken und studierte vergilbte Zeitungsartikel.

Etwa zu dieser Zeit fiel mir der Roman Das indische Grabmal der 20er-Jahre-Bestsellerautorin Thea von Harbou in die Hände. „Ich will das Grabmal einer großen Liebe errichten!“, lässt sie darin den Fürsten von Eschnapur zum Architekten Michael Fürbringer sagen. Wer die Verfilmung von Fritz Lang gesehen hat, weiß: damit ist das Grabmal für eine Lebende gemeint – für die Frau, die den Fürsten mit einem Anderen betrog. Ich fühlte mich von der Autorin verstanden. Allerdings stellte ich fest, dass mir der rachsüchtige Fürst mit seiner Hassliebe weitaus sympathischer war als der auf seine Ideale pochende Architekt mit seiner harmonischen, sterilen Ehe. Für mich war der indische Fürst in seiner Zerrissenheit die wahre Hauptfigur des Dramas, der klassische byron’sche Antiheld.

20170226_005858Die Beziehungswelt der Autorin war in der Realität alles andere als harmonisch. Thea von Harbou verließ ihren ersten Ehemann, um sich dem Regisseur Fritz Lang zuzuwenden. Der wiederum betrog sie mit der Schauspielerin Gerda Maurus. Die anschließende Trennung muss voll Bitterkeit gewesen sein: Fritz Lang emigrierte in die USA, während Thea von Harbou Mitglied der NSDAP wurde… Ob die Verfilmung des Buches durch Lang viele Jahre später für ihn DAS Grabmal seiner großen Liebe war, ist nur eine romantische Vermutung von mir. Seine Ex-Frau jedenfalls hat die Premiere des Films nicht mehr erlebt. Sie starb ein paar Jahre zuvor.

Während ich tiefer und tiefer in die Welt der Verrückten Jahre eintauchte und mich mit den Menschen dieser Epoche und ihren kleinen und großen Dramen befasste, stieß ich auch auf die Geschichte der Brüder Sass und auf die Story des Jahrhundert-Einbruchs bei der Berliner Disconto-Gesellschaft. Die Keller-Party der Panzerknacker

Und ich begann von einem Schatz zu träumen.

treasureMeine Spurensuche führte mich in Bibliotheken und Archive, in die Kriminalhistorische Sammlung in Tempelhof, in den Grunewald und auf diverse Berliner Friedhöfe. Nie hatte ich mich lebendiger gefühlt als in den Wochen, als mich das Schatzfieber packte. Irgendwann ging ich wieder auf Partys, öffnete mich, lernte Leute kennen, hörte ihren Geschichten zu, hatte Rendezvous.

Einen wirklichen Abschluss fand ich jedoch erst, als sich die Frau, die mich für einen anderen Mann verlassen hatte, unverhofft nach fast 17 Jahren wieder bei mir meldete. Ihr Leben war keineswegs so glatt verlaufen, wie ich es mir seitdem oft vorgestellt hatte. Inzwischen hat sie zwei Kinder und ist geschieden. Nachdem ich erfuhr, wie es ihr in den vergangenen 17 Jahren ergangen war – was für Wünsche sie gehabt hatte  – und als ich letztlich erkannte, dass ich damals nicht der Mensch gewesen war, der sie erfüllen konnte – erst da war ich in der Lage, endgültig einen Schluss-Strich unter diesem Teil unserer Geschichte zu ziehen.

manuskriptUngefähr zu dem Zeitpunkt schloss ich die Rohfassung meines zweiten Kriminal-Romans ab. Er handelt von einer verlorenen Liebe. Von der Anziehung zweier unterschiedlicher Menschen. Und von der Jagd eines Besessenen nach dem verschollenen Schatz der Gebrüder Sass.

Eike Bornemann: „Im Schatzfieber“, Roman (CRiMiNA, U-Helmer-Verlag, 2017, ISBN 978-3-89741-403-7)

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